Rezension: „In der Bahnhofsgaststätte“ von Guido Fuchs

von Friedhelm Weidelich

In zwölf Kapiteln, passend als „Gänge“ eines Menüs serviert, hat der Autor Geschichten, Erzählungen und Buchpassagen von bekannten Autoren wie Heinrich Böll, Hans Fallada, Günter Grass und Lew Tolstoi, aber auch weniger bekannten Schriftstellern, zusammengetragen und einleitend kommentiert.

Man möchte gar nicht aufhören zu lesen, denn die oft nur eine Seite langen Beschreibungen und Ereignisse sind so facettenreich, dass man immer tiefer eintaucht in die Welt der Bahnhofsgaststätten. Von der verräucherten Kleinstadt-Kaschemme für schwermütige Trinker und heimliche Beobachter bis zu den pompösen Restaurants mit Sälen erster, zweiter und dritter Klasse in den Großstädten reicht die Gastronomie oft längst vergangener Zeiten. Doch auch nur ein paar Jahre alte Literatur aus dem 21. Jahrhundert taucht auf, die auf Anhieb gar nicht modern erscheint. Vielleicht, weil sich die Umgangs- und Journalistensprache verändert und vereinfacht hat und verflacht ist.

Kurios war die Welt der Bahnhofsrestaurants. In Nordamerika gab es Trommler, die kurz vor Abfahrt des Zuges immer leiser wurden und verstummten, um die Fahrgäste zum Einsteigen zu bewegen. Oder ein teures Menü, das günstiger erschien als das billigere. Es hatte aber den Haken, dass der letzte Gang niemals serviert wurde, weil die Zeit für mehrere Gänge nicht ausreichte.

1901 schreibt eine Gräfin in ihr Tagebuch: „Mittags nach Hohenschäftlarn. In der Bahnhofsrestauration abgestiegen. Man braucht nicht nach Griechenland zu fahren, um schmierige Hotels, zudringliche Leute, atmende Sofas und unheimliche Betten zu finden.“

Der Leser begegnet unfreundlichen und verständnisvollen Kellnern, Eiern im Glas, Übernachtungsgästen, geheimnisvollen Frauen, dem Grill vor dem Bahnhof Hermsdorf in Thüringen und einem Zug, der in Frankfurt am Main plötzlich im Bahnhofsrestaurant steht. Und der Berliner Feuilletonist Ernst Kossak beschwert sich noch 1923: „Fast jeder Mensch auf Erden ist für seine Thaten verantwortlich, nur die Wirthe auf den Eisenbahnstationen lachen über das Schwert der Gerechtigkeit…“ Erinnerungen an gute und schlechte Aufenthalte mit lauwarmer Wurst, Wurstsalat, Kaffee, kaltem Bier und Spezi stellen sich beim Lesen ganz von selbst ein – und Erinnerungen an Bahnhöfe, die noch keine Kaufhäuser waren.

Etliche Illustrationen und (sehr kleine) Fotos bebildern das 260 Seiten starke Werk. Die Quellenangaben führen auf Wunsch weiter, ein Ortsregister bringt direkt zu den Bahnhofsgaststätten beispielsweise in Bad Doberan, Bollwiller, Mauterndorf, Montpellier, Pasewalk, Prag, Würzburg und Zürich.

In der Bahnhofsgaststätte, Ein literarisches Menü in zwölf Gängen, zusammengestellt von Guido Fuchs. Verlag Monika Fuchs, ISBN 978-3-947066-65-0. 17,50 €

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